Haarverlust ist eine weltweit anzutreffende Problematik, unter der viele Millionen Menschen leiden. Schon seit der Antike wurde versucht, den Haarausfall mit Mitteln unterschiedlichster Art zu bekämpfen. Der Markt für Produkte ist riesig.

Vor diesem Hintergrund ist es überraschend, dass es Arzneimittel gegen den Haarverlust nur in einer sehr kleinen Menge gibt. Wir trennen an dieser Stelle die Arzneimittel bewusst von anderen Formen der Therapie ab, weil es üblicherweise das Mittel der Wahl von Ärzten ist und hier gewisse behördliche Grundanforderungen an den nachweis der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit vorhanden sind. Und in der Tat ist eine regelmäßige Behandlung in vielen Fällen erfolgreich den Haarverlust zu stoppen oder sogar neues Haarwachstum zu generieren.

Wie bereits gesagt ist die Zahl der Arzneimittel bei Haarverlust überschaubar, weltweit sind eigentlich nur folgende Präparate von Bedeutung:

Haarausfall von Männern:

  • Finasterid (Handelsname zB Propecia)
  • Minoxidil (Handelsname zB Regaine, Rogaine)
  • Dutasterid (Handelsname Avodart)

Haarausfall von Frauen:

  • Minoxidil (Handelsname zB Regaine, Rogaine)
  • Antiandrogene Hormone (zB Cyproterone Acetate)

Bei Sonderformen von Haarausfall, wie beispielsweise Alopecia areata, kommen weitere Produkte zum Einsatz, die aber diese Stelle nicht besprochen werden sollen weil ihre Anwendung auf konkrete Krankheitsbilder beschränkt ist.

Wirkprinzip der Arzneimittel gegen Haarausfall

So überschaubar die Zahl der Mittel ist – bezogen auf die Wirkungsweise gibt es sogar noch weniger Behandlungsansätze.

Finasterid und Dutasterid

Finasterid und Dutasterid wirken auf den Spiegel an männlichen Geschlechtshormon. so merkwürdig es klingen mag – aber ein Übermaß an Testosteron führt zu einer Glatze. Die beiden genannten Arzneimitteln hemmen die Bildung von einer Vorstufe von Testosteron, dem Dihydrotestosteron (DHT). In betroffenen Arealen der Kopfhaut ist eine erhöhte Konzentration hiervon festzustellen. Es ist mitverantwortlich für die Verkürzung der Haarwachstumsphase, eine zunehmende Verkündung der Haarfollikel und eine Verringerung der Zahl der terminalen Haare.
DHT wird durch enzymatische Umwandlung von Testosteron mittels 5-alpha-Reduktase gebildet.
Finasterid und Dutasterid bewirken eine spezifische Hemmung der 5-alpha-Reduktase und senken so die Konzentration von DHT in Kopfhaut
und Blutserum.
Die beiden Wirkstoffe unterscheiden sich in ihrer Stärke allerdings ist nur Finasterid weltweit für den Einsatz zugelassen. Dutasterid wiederum wird in der Regel nur als Mittel bei Prostatabeschwerden verkauft.

Beide Produkte werden derzeit fast ausschließlich in oraler Form angewendet, und trotz allgemein guter Verträglichkeit gibt es schon Gründe bei der notwendigen Langzeitanwendung etwas vorsichtig zu sein.

Minoxidil

Minoxidil besitzt einen ganz anderen Wirkmechanismus, der aber im einzelnen noch nicht geklärt ist.

In Studien wurde belegt, dass Minoxidil das Haarwuchstum anregt unter anderem durch Verbesserung der Blutversorgung der Haarfollikel. wichtig ist bei dem Produkt, dass die Anwendung so lange erfolgen muss, wie eine Wirkung gegen den Haarausfall erwünscht ist. Wird das Produkt abgesetzt, tritt der Haarausfall auch wieder ein.

Aber natürlich wirkt das Minoxidil auch nicht in allen Fällen, je nachdem ob der Stopp des Haarausfalls oder echtes Neuwachstum als Ziel gesetzt werden gibt es immer einen mehr oder weniger größeren Teil an Betroffenen, die keinen Vorteil aus der Behandlung ziehen.

Antiandrogene

Finasterid ist auch ein Antiandrogen, sein Wirkprinzip über die Hemmung der 5-Alpha-reduktase ist aber etwas anders als der andere Produkte aus dieser Präparategruppe, und seine Wirkung auf einige wenige Orte im Körper beschränkt wie Prostata und Haarfollikel. Die meisten anderen Antiandrogene blockieren die Rezeptoren oder die Synthese der männlichen Geschlechtshormone.

Bekannte Präparate aus dieser Gruppe sind Flutamid und Cyproteronacetat, aber auch das Diuretikum Spironolacton und das Antimykotikum Ketoconazole.

Das Problem bei den breiter wirksamen Antiandrogenen ist, dass sie bei Männern eine Feminisierung auslösen können. Sie kommen daher – zumindestens in höher dosierter Form – fast ausschließlich bei Frauen zum Einsatz.

Studien konnten auch keine Wirkung belegen, zumindestens wenn man eine gewisse Qualität an das Studiendesign voraussetzt. In einer Vergleichsstudie von Gassmueller et al. zeigte Minoxidil eine deutlich ausgeprägte Wirkung, während das Vergleichsprodukt Fulvestrant keine Veränderung im Haarwuchs zeigte.

auch bei Frauen sind die Studienergebnisse mit Antiandrogenen nicht überzeugend.
Die S3 Guideline empfiehlt daher nicht den Einsatz dieser Produkte

5 Alpha-Reductase – Dutasterid versus Finasterid

die Rolle dieses Enzym in der Steroidsynthese wurde bereits 1951 erkannt, und bereits 1968 kam man zu der Erkenntnis dass DHT stärker wirksam ist als Testosteron.
allerdings stand erst einmal die Wirkung bei Prostatahyperplasie bzw. Prostatakrebs im Vordergrund, den man mit der Blockierung dieses Enzyms wirksam behandeln konnte.
Testosteron ist das am häufigsten auftretende anthropogene Hormon im Blut. In männlichen Feten stimuliert es die Ausbildung der männlichen Geschlechtsmerkmale, wird aber in der Zelle zu DIHT konvertiert was sich an die Androgen-Rezeptoren anbindet

neben der Wirkung auf die Geschlechtsorgane ist es wichtig auf das pubertäre Wachstum von Gesichts und Körperhaaren. Weiterhin spielt es eine Rolle bei Hauterscheinungen wie Akne.

Insofern stellte es aus verschiedenen Aspekten heraus ein interessantes Forschungsobjekt dar, und mit Dutasterid gelang es tatsächlich die Wirksamkeit von Finasterid noch einmal deutlich zu erhöhen. Die minimale Hemm-Konzentrationen auf das Enzym liegen bei weniger als einem Zwanzigstel, bzw. umgekehrt kann der Serum DHT Spiegel wesentlich deutlicher gesenkt werden (95 % gegenüber 71 % bei Finasterid)

allerdings gibt es auch einen deutlichen Unterschied in der Halbwertszeit, diese beträgt bei Dutasterid fünf Wochen im Vergleich zu 6-8 Stunden bei Finasterid
Dies bedeutet in der Praxis eine deutlich schlechtere Steuerbarkeit der Behandlung, gerade wenn es zu Nebenwirkungen kommen sollte (Azzouni et al)

Trotzdem bietet Dutasterid eine interessante Alternative, denn in den vorhandenen Studien zeigte sich eine deutlich bessere Wirksamkeit im Vergleich zu Finasterid.
In einer Analyse der vorliegenden Studien zeigten sich in allen untersuchten Aspekten wie Haarzahl, Bewertung der Ergebnisse nach Fotografien der verschiedenen Haarseiten und in der Bewertung der Anwender eine deutliche Überlegenheit.
Interessanterweise ergab sich in Bezug auf die Nebenwirkungen dagegen kein unterschied. (Zhou et al)

Insofern spricht sehr vieles für den Einsatz von Dutasterid, allerdings mit dem Problem, dass das Produkt normalerweise nicht für die Anwendung bei Haarausfall zugelassen ist.

Kombinationen

wenn man sich das zur Verfügung stehende Angebot an Produkten anschaut liegt die Hoffnung nahe, dass durch den gleichzeitigen Einsatz von Finasterid und Minoxidil möglicherweise eine Verbesserung der Therapie erreicht werden kann. Beide Produkte haben unterschiedliche Wirkansätze, die sich synergistisch ergänzen sollten.

Und in der Tat gibt es Studien, die den Sinn einer solchen Kombination belegen.

In einer 2018 veröffentlichen Studie wurden 0,25 % Finasterid zusammen mit 3 % Minoxidil verglichen gegen 3 % Minoxidil alleine in der Behandlung männlicher Alopezie.

In der Kombination zeigten etwa 90 % der Teilnehmer eine Verbesserung ihrer Situation, deutlich besser als eine reine Minoxidil Lösung (Suchonwanit et al).

Ein ähnliches Ergebnis wurde in der Kombination der oralen Finasterid Anwendung mit topischen Minoxidil erreicht. Hier wurde Finasterid mit 1 mg pro Tag und eine fünfprozentige Minoxidil Lösung kombiniert, und mit den Produkten alleine verglichen.

die Kombinationstherapie zeigte bei 94 % der Männer eine Verbesserung, während das bei Finasterid alleine 80 % und Minoxidil nur 59 % waren.
(Hu et al)

Neue Arzneimittel gegen Haarausfall

Es ist einige erschreckend, dass auf einem Markt von Millionen Kunden nur ganz wenige Produkte das Problem Haarausfall medizinisch lösen können. Aber eine Vielzahl von Unternehmen ist daran hier neue Lösungen zu entwickeln. Leider hat die Vergangenheit gezeigt, dass in vielen Fällen Hoffnungen geweckt werden, die nachher in der Realität nicht eingehalten werden können. Noch weiß die Wissenschaft noch viel zu wenig über den genauen Vorgang des Haarwachstum, um hier gezielt einzusetzen. Daher kann man die Verfahren grob in folgende Gruppen unterteilen:

1. Mittel die auf bekanntem Weg die Wirkung verstärken (also Weiterentwicklungen von Minoxidil und Finasterid)

2. Biologische Extrakte, die nach bestimmten Verfahren aus dem Blut gewonnen werden und die Wachstumsfaktoren enthalten, auch wenn sie im Detail nicht bekannt sind: hier ist vor allem die PRP Behandlung zu nennen

3. Haarmultiplikation, d. h. bestimmte Zellen oder Teile von vorhandenen Haaren verwenden, um diese zu vermehren und später einzusetzen

1. Weiterentwicklungen bekannter Haarausfall Produkte / Mechanismen

– eine neue Substanz mit dem Namen Clascoterone (BREEZULA) der FirmaCassiopeia basiert auf einem antiandrogenen Wirkmechanismus und der gezielten Blockade von DHT , und verspricht eine Wirkung die mindestens der von Finasterid und Minoxidil entspricht. (https://www.hairlosscure2020.com/cassiopea-says-breezula-phase-ii-results-very-positive/)

– aufgrund der befürchteten Nebenwirkungen wird daran gearbeitet, Finasterid in einer topischen Formulierung anzubieten. die Firma Polichem ist mit einer topischen Formulierung in der klinischen Phase drei, die eine vergleichbare Wirksamkeit zur oralen Aufnahme zeigte (https://www.hairlosscure2020.com/polichem-topical-finasteride-phase-3-results-out/)

2. Blut-Extrakte

das Extraktionsverfahren mit PRP wird an anderer Stelle besprochen, genau genommen handelt es sich auch nicht um ein Arzneimittel. Die Grenzen zwischen Arzneimittel und biologische Therapie verschwimmen allerdings, denn letztendlich enthält dieser natürliche Auszug eben bestimmte Wirkstoffe, auch wenn sie noch nicht bekannt sind

3. Haarmultiplikation

auch wenn es so einfach klingt – in der Praxis ist das züchten körpereigener Haarzellen ein sehr schwieriges Unterfangen. Dies beruht auf der Problematik, dass Haar und Umgebung eine funktionale Einheit bilden, und die in der Praxis nicht so einfach herzustellen ist.

Trotzdem gibt es eine ganze Reihe von Firmen, die sich an dem Zuchtmodell probieren. Beispielsweise Hairclose aus England (https://www.folliclethought.com/page/2/)

Ein wirklicher Durchbruch ist bis zum heutigen Tag noch nicht zu erkennen, und auch eine Vermarktung wird mit Sicherheit mit Auflagen der Behörden zu kämpfen haben. Denn es muss klar formuliert werden, dass eine Wachstumsförderung und Replikation auch ganz schnell das Risiko in sich trägt, hier die Kontrolle über den Prozess zu verlieren – und damit bei einem unkontrollierten Zellwachstum zu enden

es sind Jahrzehnte vergangen, seitdem das letzte Haarausfall Produkt von den zuständigen Behörden zugelassen worden ist. Auch wenn es im Moment noch keinen konkreten Kandidaten gibt, so wird es in absehbarer Zeit doch weitere Alternativen in der Behandlung geben.

Literatur

Faris Azzouni, Alejandro Godoy, Yun Li, and James Mohler: The 5 Alpha-Reductase Isozyme Family: A Review of Basic Biology and Their Role in Human Diseases. Adv Urol. 2012; 2012: 530121. Published online 2011 Dec 25. doi: 10.1155/2012/530121

Hu R, Xu F, Sheng Y, Qi S, Han Y, Miao Y, Rui W, Yang Q.:
Combined treatment with oral finasteride and topical minoxidil in male androgenetic alopecia: a randomized and comparative study in Chinese patients.Dermatol Ther. 2015 Sep-Oct;28(5):303-8. doi: 10.1111/dth.12246. Epub 2015 Jun 2.

Suchonwanit P, Srisuwanwattana P, Chalermroj N, Khunkhet S.: A randomized, double-blind controlled study of the efficacy and safety of topical solution of 0.25% finasteride admixed with 3% minoxidil vs. 3% minoxidil solution in the treatment of male androgenetic alopecia. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2018 Dec;32(12):2257-2263. doi: 10.1111/jdv.15171. Epub 2018 Jul 20.

Zhou Z, Song S, Gao Z, Wu J, Ma J, Cui Y: The efficacy and safety of dutasteride compared with finasteride in treating men with androgenetic alopecia: a systematic review and meta-analysis. DOI https://doi.org/10.2147/CIA.S192435

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